Kinder- und Jugendbeteiligung im Strukturwandel
Junge Perspektiven in der brandenburgischen Lausitz wirksam einbeziehen
Der Strukturwandel verändert die brandenburgische Lausitz über Jahrzehnte. Entscheidungen über wirtschaftliche Entwicklung, Fachkräftesicherung, Digitalisierung, Mobilität, Infrastruktur, Daseinsvorsorge und regionale Zukunftsperspektiven wirken sich auf das Aufwachsen und die Zukunftsentscheidungen junger Menschen aus. Kinder- und Jugendbeteiligung ist deshalb kein Zusatz zum Strukturwandel, sondern eine fachliche und demokratische Aufgabe.
Das KiJuBB begleitet diese Entwicklung seit mehreren Jahren mit Fachimpulsen, Beteiligungsformaten, Forschung, Beratung und Praxisentwicklung. Aus dieser Arbeit sind Papiere und Publikationen entstanden, die unterschiedliche Etappen dokumentieren: von frühen Qualitätsanforderungen über den politischen Auftrag des Landtages bis zu Praxisformaten, wissenschaftlicher Vertiefung und Materialien für die Arbeit vor Ort.
Fachliche Ausgangspunkte: Beteiligung braucht Verbindlichkeit
Bereits 2021 haben die Fach- und Servicestellen für Kinder- und Jugendbeteiligung aus Brandenburg, Nordrhein-Westfalen, Sachsen und Sachsen-Anhalt gemeinsame Anforderungen an Jugendbeteiligung in den Strukturwandelgebieten formuliert. Das Impulspapier betont unter anderem Zielklarheit, eine beteiligungsorientierte Haltung, jugendgerechte Formate und Zugänge, Möglichkeiten zur Kompetenzentwicklung, kontinuierliche Dialogstrukturen sowie verlässliche Partner*innen und fachliche Expertise vor Ort. Strukturwandelbezogene Beteiligung soll demnach nicht aus punktuellen Einzelveranstaltungen bestehen, sondern nachvollziehbar mit Entscheidungen und längerfristigen Strukturen verbunden sein.
Der ebenfalls 2021 veröffentlichte IASS (heute: Forschungsinstitut für Nachhaltigkeit (englisch Research Institute for Sustainability, kurz: RIFS) Policy Brief „Kinder- und Jugendbeteiligung im Lausitzer Strukturwandel“ richtet den Blick stärker auf die Steuerungs- und Entscheidungsstrukturen des Strukturwandels. Vorgeschlagen werden eine effektivere und unmittelbarere Beteiligung junger Menschen, ein Jugendcheck für Strukturwandelprojekte sowie regelmäßige Kinder- und Jugendkonferenzen. Als mögliche Instrumente werden unter anderem eine Junge Werkstatt, ein Junger Begleitausschuss sowie Zukunfts- und Antragschecks beschrieben. Der zentrale Gedanke: Beteiligungsformate benötigen eine transparente und verbindliche Schnittstelle zu den öffentlichen Entscheidungsprozessen.
Der Lausitz-Beschluss des Landtages vom 18. Mai 2022
Mit dem sogenannten Lausitz-Beschluss „Beteiligung von Kindern und Jugendlichen am Strukturwandelprozess in der Lausitz stärken“ hat der Landtag Brandenburg am 18. Mai 2022 den politischen Auftrag konkretisiert. Der Beschluss greift mehrere Punkte auf, die bereits in der fachlichen Debatte eine Rolle spielten: Informationen über den Strukturwandel sollen für junge Menschen verständlich aufbereitet, spezielle Beteiligungsangebote lausitzweit ermöglicht und unterschiedliche Lebenskontexte berücksichtigt werden.
Darüber hinaus fordert der Beschluss, Kinder und Jugendliche bei Strukturwandelprojekten entsprechend den kommunalen Beteiligungsrechten einzubeziehen. Im damaligen Recht war dies § 18a BbgKVerf; heute findet sich die Regelung in § 19 BbgKVerf. Für Projekte im Werkstatt-Prozess sollte dargestellt werden, ob und wie junge Menschen an der Erarbeitung beteiligt wurden. Der Landtag formulierte außerdem den Auftrag für ein lausitzweites Verfahren der Kinder- und Jugendbeteiligung, für jugendgerechte Öffentlichkeitsarbeit sowie für Bildungsangebote zum Strukturwandel in Schulen und Kinder- und Jugendarbeit.
Der Beschluss begrüßte zugleich den damaligen STARK-Antrag der Lausitzer Perspektiven und der Bürgerregion Lausitz mit dem KiJuBB als Verbundpartner. Damit wurden fachlicher Auftrag, regionale Strukturentwicklung und der Aufbau einer dauerhaft ansprechbaren Unterstützungsstruktur miteinander verbunden. Tatsächlich zeigt sich aber, wie häufig bei der Umsetzung des Rechts auf Kinder- und Jugendbeteiligung in den Kommunen, dass die Einbndung in bestehende Strukturen nicht einfach ist.
Kindertag 2022 in Senftenberg: Strukturwandel über Bedürfnisse bearbeiten
Wie auch jüngere Kinder zu einem abstrakten Thema wie Strukturwandel arbeiten können, wurde am Internationalen Kindertag am 1. Juni 2022 in Senftenberg erprobt. In mehreren Workshops setzten sich Grundschulkinder mit ihren Werten und Bedürfnissen für Gegenwart, Zusammenleben und Zukunft in der Lausitz auseinander. Grundlage war eine symbolische Karte der Region. Die Kinder arbeiteten unter anderem zu Gesundheit und Sicherheit, Familie und Gemeinschaft, Freizeit, Umwelt, Schule, Heimat, Arbeit und Zukunftssicherheit. Parallel beschäftigten sich Verantwortliche aus Politik und Verwaltung mit den Perspektiven der Kinder.





Das Format zeigt einen wichtigen Ansatz für Strukturwandelprozesse: Nicht immer ist es sinnvoll, unmittelbar nach fertigen Projektideen oder abstrakten Zukunftsstrategien zu fragen. Gerade bei jüngeren Zielgruppen kann die Arbeit mit Bedürfnissen, Alltagserfahrungen und Werten einen Zugang schaffen. Die Ergebnisse müssen anschließend fachlich übersetzt und mit realen Planungs- und Entscheidungsprozessen verbunden werden.
Der Fachbeitrag „Kinder am Strukturwandel beteiligen“ von Sara Orlamünder und Dominik Ringler greift das Senftenberger Praxisbeispiel auf und ordnet den bedürfnisorientierten Ansatz fachlich ein. Er zeigt, wie sich hinter konkreten Wünschen grundlegende Bedürfnisse erkennen lassen und wie daraus ein anderer Blick auf Beteiligung und kommunale beziehungsweise regionale Entwicklung entstehen kann.
Forschung: Beteiligung aus der Lebenswirklichkeit junger Menschen denken
Die fachliche Arbeit wurde in den folgenden Jahren auch durch Forschung weiterentwickelt. Im europäischen Horizon-Europe-Projekt DUST – „Democratising jUst Sustainability Transitions“ – wurde untersucht, wie Beteiligung in Regionen gestaltet werden kann, die von tiefgreifenden Nachhaltigkeits- und Strukturveränderungen betroffen sind. Ein Schwerpunkt lag auf Bevölkerungsgruppen, die von bestehenden Beteiligungsangeboten wenig erreicht werden.
Ein 2024 erarbeitetes Policy Paper mit Blick auf die Lausitz hebt unter anderem Mobilität und Erreichbarkeit, Informationszugänge, unterschiedliche Beteiligungserfahrungen sowie die Öffnung bestehender Governance-Strukturen hervor. Beteiligung setzt demnach nicht erst beim Format an. Sie braucht erreichbare Orte und Informationen, unterstützende Netzwerke, qualifizierte Fachkräfte und Strukturen, in denen junge Menschen tatsächlich Einfluss nehmen können.
Der 2025 veröffentlichte wissenschaftliche Beitrag „Unsettling Youth Participation in Relational Space and Commons: Case Study Lusatia“ vertieft diese Perspektive. Die qualitative Fallstudie verbindet Dokumentenanalyse, Interviews mit Akteur*innen aus Politik und Verwaltung sowie Fokusgruppen mit jungen Menschen. Sie zeigt eine Spannung zwischen institutionellen Strukturwandelbildern – häufig geprägt durch Kategorien wie Wachstum, Innovation und Infrastruktur – und der Weise, wie junge Menschen Veränderungen in ihrem Alltag erleben.
Für die beteiligten jungen Menschen standen beispielsweise soziale Räume, Zugehörigkeit, finanzielle Sicherheit, Arbeit, Selbstständigkeit und soziale Ungleichheit im Vordergrund. Gleichzeitig beschrieben sie Distanz zu Beteiligungsformaten, wenn unklar bleibt, was mit ihren Beiträgen geschieht oder wenn Fachsprache und institutionelle Logiken den Zugang erschweren. Für die Praxis folgt daraus, Beteiligung stärker von konkreten Lebenslagen, Beziehungen, Orten und unterschiedlichen Zukunftsvorstellungen her zu gestalten.
Unsettling Youth Participation in Relational Space and Commons: Case Study Lusatia (2025)
Mehr zum europäischen Forschungsprojekt DUST: dustproject.eu
Von der Erprobung zum Praxismaterial
Ein wiederkehrendes Ergebnis der Arbeit in der Lausitz ist der Informationsbedarf junger Menschen. Strukturwandel bleibt abstrakt, wenn regionale Projekte, Zuständigkeiten und Beteiligungsmöglichkeiten kaum bekannt sind. Zwischen Herbst 2024 und Sommer 2025 wurden deshalb in fünf Lausitzer Kommunen Workshops mit rund 320 Jugendlichen erprobt. Sie verbanden kurze Informationen zum Strukturwandel, die Auseinandersetzung mit der eigenen Lebenswelt, Gruppenarbeit und Planspielelemente.
Die Erfahrungen sind im Booklet „Kinder- und Jugendbeteiligung im Strukturwandel – Junge Perspektiven aus der Brandenburgischen Lausitz“ aufbereitet. Es enthält einen modularen Workshopablauf, Methoden, Materialien und Hinweise für Lehrkräfte sowie Fachkräfte der außerschulischen Bildung, Jugendarbeit und Jugendsozialarbeit. Die Workshops sind ein Modell- und Entwicklungsansatz; das Booklet macht die gewonnenen Erfahrungen für andere nutzbar.
Was daraus für das Fachgebiet folgt
Die verschiedenen Etappen zeigen, dass Kinder- und Jugendbeteiligung im Strukturwandel mehrere Ebenen verbinden muss. Junge Menschen brauchen verständliche Informationen und lebensweltnahe Zugänge. Gleichzeitig müssen Beteiligungsrechte in kommunalen, regionalen und landespolitischen Entscheidungsprozessen praktisch wirksam werden. Dafür sind verlässliche Schnittstellen zwischen jungen Menschen, Fachpraxis, Verwaltung, Politik und den Strukturen des Strukturwandels erforderlich.
Das KiJuBB nutzt die Erfahrungen aus Fachpapieren, Praxisformaten und Forschung für Beratung, Qualifizierung, Methodenentwicklung und Wissenstransfer. Ziel ist nicht ein einheitliches Format für die gesamte Lausitz. Beteiligung muss zum jeweiligen Gegenstand, zum Ort, zu den beteiligten jungen Menschen und zu den realen Einflussmöglichkeiten passen. Gleichzeitig sollen Erfahrungen so aufbereitet werden, dass sie in weiteren Kommunen und regionalen Zusammenhängen genutzt werden können.
Das Lausitz-Büro als regionale Umsetzung
Ein wichtiges Element der regionalen Umsetzung ist das Büro Lausitz des KiJuBB in Senftenberg/Zły Komorow. Das Büro arbeitet als Knotenpunkt für Kinder- und Jugendbeteiligung innerhalb der Bürgerregion Lausitz und verbindet regionale Präsenz mit der landesweiten Fachkompetenz des KiJuBB. Es berät Kommunen und regionale Akteur*innen, qualifiziert Verantwortliche, vernetzt Partner*innen und entwickelt Praxisansätze weiter.
Die eigenständige Projektseite beschreibt die Rolle des Knotenpunkts in der Bürgerregion, regionale Kooperationen, Förderung und konkrete Projektbeispiele. Die vorliegende Fachgebietsseite konzentriert sich dagegen auf die fachliche Entwicklung, Erkenntnisse und Materialien zur Kinder- und Jugendbeteiligung im Strukturwandel.
Ansprechpersonen
Angebote des KiJuBB
Das Angebot umfasst – abhängig von Auftrag, Ausgangslage und verfügbaren Ressourcen:
- orientierende Erstberatung und Auftragsklärung,
- Beratung zu Kinder- und Jugendbeteiligung in Strukturwandelvorhaben,
- Unterstützung bei der Identifikation geeigneter Beteiligungsanlässe und Zugänge,
- Entwicklung und fachliche Begleitung von Beteiligungsprozessen und -formaten,
- kommunale Beratung zum Aufbau verlässlicher Beteiligungsstrukturen,
- Qualifizierungen für Verwaltung, Politik, Fachkräfte und regionale Partner*innen,
- Entwicklung und Erprobung modellhafter Ansätze,
- regionale und fachliche Vernetzung,
- Auswertung von Praxis und Forschung sowie Wissenstransfer,
- Materialien, Methoden und Publikationen für die Fachpraxis.
Weiterführende Informationen
Die folgenden Papiere und Publikationen dokumentieren die fachliche Entwicklung der Kinder- und Jugendbeteiligung im Strukturwandel und bieten Vertiefungen für Politik, Verwaltung, Kommunen, Fachpraxis und Forschung.
Jugendbeteiligung in den Strukturwandelgebieten
Impulspapier der Fach- und Servicestellen Kinder- und Jugendbeteiligung aus Brandenburg, Nordrhein-Westfalen, Sachsen und Sachsen-Anhalt, Oktober 2021. Qualitätsanforderungen für eine zielklare, jugendgerechte und dauerhaft angelegte Beteiligung.
Kinder- und Jugendbeteiligung im Lausitzer Strukturwandel
Löw Beer, Anders, Donath, Luh, Ringler & Rocher, IASS Policy Brief 7/2021. Der Policy Brief analysiert Beteiligungsstrukturen in Brandenburg und Sachsen und entwickelt Vorschläge für Jugendcheck, Jugendgremien und regelmäßige Konferenzen.
Kinder am Strukturwandel beteiligen
Sara Orlamünder & Dominik Ringler, Informationen zur Raumentwicklung, Heft 3–4/2023. Der Beitrag ordnet den Kindertag in Senftenberg fachlich ein und beschreibt die Arbeit mit einem bedürfnisorientierten Ansatz.
Zum Download: Informationen zur Raumentwicklung – Band 50, Dezember 2023, Heft 3-4 | BiblioScout
Unsettling Youth Participation in Relational Space and Commons: Case Study Lusatia
Viderman, Flores de Leon, Weidner, Ringler, Grebe & Kaufmann, Tracce Urbane 17/2025, S. 130–154. Wissenschaftliche Fallstudie zur Spannung zwischen institutionellen Beteiligungslogiken und den alltäglichen Zukunftserfahrungen junger Menschen in der Lausitz.
Kinder- und Jugendbeteiligung im Strukturwandel – Junge Perspektiven aus der Brandenburgischen Lausitz
KiJuBB, Frühjahr 2026. Praxisbooklet mit Erfahrungen aus Schulworkshops, modularen Abläufen, Methoden, Materialien und weiterführenden Hinweisen.