Das Klaviermodell der Beteiligungsintensität

Das Klaviermodell hilft, Kinder- und Jugendbeteiligung nicht als Stufenleiter zu verstehen, sondern als passendes Zusammenspiel verschiedener Einflussmöglichkeiten. Es unterstützt Kommunen, Verwaltung und Fachkräfte dabei, Beteiligungsrechte in konkrete Verfahren, Zuständigkeiten und Rückmeldungen zu übersetzen.

Worum es bei dem Modell geht

Kommunale Entscheidungen berühren das Leben von Kindern und Jugendlichen in vielen Bereichen: von Spiel- und Freiflächen über Mobilität, Schule und Jugendorte bis zu Planungen im Sozialraum. Beteiligung wird tragfähig, wenn vorab geklärt ist, worum es geht, wer betroffen ist, welche Entscheidungsspielräume bestehen und wie Ergebnisse in das Verwaltungshandeln zurückgeführt werden.

Das Klaviermodell der Beteiligungsintensität bietet dafür eine fachliche Orientierung. Es zeigt, wie unterschiedlich weit Beteiligung reichen kann: von Information und Meinungsäußerung über Dialog und Mitwirkung bis zu teilweiser, gemeinsamer oder eigenständiger Entscheidung. Entscheidend ist nicht die vermeintlich höchste Stufe, sondern die passende Beteiligungsintensität für Aufgabe, Zielgruppe und Rahmenbedingungen.

Warum kein Stufenmodell?

Viele Beteiligungsmodelle arbeiten mit Stufen oder Leitern. Für kommunale Praxis kann das hilfreich wirken, führt aber schnell zu Missverständnissen: Nicht jedes Vorhaben eignet sich für eine vollständige Entscheidung durch Kinder und Jugendliche. Umgekehrt ist reine Information noch keine Beteiligung, wenn sie nicht mit Verständlichkeit, Rückmeldung und weiteren Einflussmöglichkeiten verbunden wird.

Beispiel: Zwei Wege zum neuen Spielplatz

In Kommune A wählen Kinder zwischen zwei fertigen Entwürfen: einem Drachen- und einem Piratenspielplatz. Das Modell mit den meisten Stimmen wird gebaut, auch wenn die Entscheidung sehr knapp ausfiel.

In Kommune B entwickeln Kinder von Anfang an eigene Ideen für ihren Spielplatz. Sie malen, basteln und modellieren in mehreren Workshops. Das Planungsbüro überführt diese in einen umsetzbaren Entwurf, über den anschließend die Kommune entscheidet. Die Kinder erhalten eine Rückmeldung zum Ergebnis.

Auf einer Beteiligungsleiter würde Kommune A höher eingeordnet, weil die Kinder die Auswahl verbindlich entscheiden. Das Klaviermodell betrachtet Beteiligung differenzierter: In Kommune B können die Bedürfnisse, Ideen und Lebensrealitäten der Kinder umfassender in die Planung einfließen – auch wenn die abschließende Entscheidung bei der Kommune liegt.

Weitere Informationen zu den Stufen- und Leitermodellen:

Das Klaviermodell nutzt statt einer hierarchisch wirkenden Leiter ein anderes Bild. Beteiligung entsteht wie Musik nicht durch eine einzelne Taste, sondern durch ein bewusstes Zusammenspiel. Je nach Thema können Information, Mitsprache, Mitbestimmung, Dokumentation und Rückmeldung unterschiedlich kombiniert werden.

Die drei Bereiche des Klaviermodells

Voraussetzung

Beteiligung beginnt nicht erst im Workshop oder im Gremium. Sie setzt voraus, dass Kinder und Jugendliche verständlich, rechtzeitig und über passende Zugänge informiert werden. Erst dann können sie einordnen, worum es geht und welche Bedeutung ein Vorhaben für ihren Alltag hat.

  • Darüber werden Kinder und Jugendliche informiert.
  • Dazu können Kinder und Jugendliche ihre Meinung sagen und Anliegen äußern.

Diese beiden Formen schaffen Zugänge. Sie ersetzen keine weitergehende Beteiligung, sind aber häufig der notwendige Einstieg in und vor allem die Voraussetzung für ein Verfahren. Wichtig ist, schon hier zu klären, was mit Rückmeldungen geschieht und wie Ergebnisse sichtbar gemacht werden.

Mitsprache

Mitsprache beginnt dort, wo Kinder und Jugendliche nicht nur allgemein reagieren, sondern gezielt einbezogen werden. Ihre Interessen, Bedürfnisse und Ideen werden erhoben, diskutiert und in Planungs- oder Entscheidungsprozesse eingespeist.

  • Dazu werden Kinder und Jugendliche aktiv nach ihrer Meinung, ihren Interessen und Bedürfnissen gefragt; sie können Ideen und Vorschläge einbringen.
  • Dazu tauschen sich Politik, Verwaltung oder Fachkräfte mit Kindern und Jugendlichen aus; es findet ein Dialog statt.
  • Daran können Kinder und Jugendliche aktiv mitwirken und sind Teil eines Planungs- oder Umsetzungsprozesses.

Mitsprache braucht klare Fragestellungen, geeignete Methoden, erreichbare Zielgruppen und eine verlässliche Rückmeldung. Bei längeren Prozessen sind Zwischenstände wichtig, damit junge Menschen nachvollziehen können, wie ihre Beiträge weiterverarbeitet werden.

Mitbestimmung

Mitbestimmung beschreibt Beteiligung mit erkennbarem Entscheidungseinfluss. Dafür müssen Entscheidungsspielräume transparent beschrieben und politisch oder organisatorisch abgesichert sein. Sonst entsteht der Eindruck von Beteiligung, ohne dass tatsächlich Einfluss möglich ist.

  • Darüber können Kinder und Jugendliche teilweise entscheiden.
  • Darüber entscheidet Politik gemeinsam und gleichberechtigt mit Kindern und Jugendlichen.
  • Darüber entscheiden Kinder und Jugendliche eigenständig.

Mitbestimmung kann zum Beispiel bei Jugendbudgets, bei der Auswahl konkreter Gestaltungselemente oder bei selbstorganisierten Projekten sinnvoll sein. Welche Form passt, hängt von Zuständigkeit, rechtlichem Rahmen, Ressourcen, Begleitung und möglichen Folgen der Entscheidung ab.

Einsatz in Verwaltung und Praxis

In der kommunalen Praxis kann das Klaviermodell helfen, Beteiligung planbar und nachvollziehbar zu machen. Es eignet sich für die Entwicklung von Beteiligungsrichtlinien, Aufgaben- und Beteiligungsrechte-Katalogen, Verwaltungsleitfäden und konkreten Beteiligungsverfahren.

Das Modell unterstützt eine zentrale Klärung: Bei welchen Themen werden Kinder und Jugendliche informiert, wo werden sie aktiv befragt, wo entsteht Dialog, wo wirken sie im Prozess mit und wo erhalten sie Entscheidungsrechte? Diese Klärung sollte nicht allein verwaltungsintern erfolgen. Die Perspektiven junger Menschen gehören in die Aushandlung der Beteiligungsgegenstände und Beteiligungsintensitäten.

Prüffragen für die Anwendung

  • Was ist der konkrete Beteiligungsgegenstand?
  • Welche Kinder und Jugendlichen sind betroffen oder berührt?
  • Welche Informationen brauchen sie, um sich eine Meinung bilden zu können?
  • Welche Entscheidungsspielräume bestehen tatsächlich?
  • Welche Form der Beteiligung passt zur Zielgruppe, zum Thema und zum Zeitrahmen?
  • Wer ist in Politik, Verwaltung und Fachpraxis zuständig?
  • Wie werden Ergebnisse dokumentiert, zurückgemeldet und in Entscheidungen einbezogen?

Beispiele für die Anwendung

Freiflächen und Spielorte: Kinder und Jugendliche werden über die geplante Maßnahme informiert, bringen Alltagserfahrungen ein, bewerten Entwürfe und entscheiden teilweise über konkrete Elemente.

Jugendbudget: Ein politisch beschlossener Rahmen legt Budget, Kriterien und Zuständigkeiten fest. Junge Menschen entwickeln Vorschläge und entscheiden eigenständig oder gemeinsam über die Mittelvergabe.

Kommunale Beteiligungsrichtlinie: Politik, Verwaltung, Fachkräfte und junge Menschen handeln aus, bei welchen kommunalen Aufgaben welche Beteiligungsintensität gelten soll. Das Ergebnis kann in einen Aufgaben- und Beteiligungsrechte-Katalog einfließen.

Das Klaviermodell ersetzt keine rechtliche Prüfung im Einzelfall. Es unterstützt die fachliche und organisatorische Einordnung von Beteiligungsintensitäten. Rechtsgrundlagen, Zuständigkeiten und kommunale Beschlusslagen müssen je nach Vorhaben geprüft werden.

Unterstützung durch KiJuBB

Das Kompetenzzentrum Kinder- und Jugendbeteiligung Brandenburg (KiJuBB) nutzt das Klaviermodell zur fachlichen Einordnung, Beratung und Qualifizierung. KiJuBB kann Kommunen, Träger und Fachkräfte bei Einordnung, Konzeptentwicklung und Prozessgestaltung unterstützen. Die Verantwortung für Entscheidungen, Beteiligungsverfahren, Dokumentation und Umsetzung bleibt bei den zuständigen Stellen.

Weiterführende Materialien