Kinder- und Jugendhilfe Landesrat Brandenburg (KJLR)
Der Kinder- und Jugendhilfe Landesrat Brandenburg – kurz KJLR – ist die landesweite, selbstorganisierte Interessenvertretung junger Menschen mit Erfahrungen in den Hilfen zur Erziehung. Er bündelt Themen und Erfahrungen aus Einrichtungen und Hilfeverläufen, bringt sie gegenüber Politik, Verwaltung und Fachpraxis ein und entwickelt eigene Vorschläge zur Weiterentwicklung der Kinder- und Jugendhilfe.
Der KJLR ist auf zehn gewählte Mitglieder angelegt. Zusätzlich können Nachrücker*innen vorgesehen werden, damit bei einem Ausscheiden während der Wahlperiode Plätze neu besetzt werden können. Die Wahl erfolgt in einem demokratischen Verfahren. Die Mitglieder bestimmen ihre Themen und Positionen selbst; das Kompetenzzentrum Kinder- und Jugendbeteiligung Brandenburg (KiJuBB) unterstützt die Arbeitsfähigkeit, Begleitung und Verbindung zu Fach- und Entscheidungsstrukturen.

Aus dem Dialogforum heraus entstanden
Der erste Impuls für eine landesweite Interessenvertretung kam 2016 von jungen Menschen selbst. Beim ersten Dialogforum für Kinder und Jugendliche aus den erzieherischen Hilfen forderten sie eine einrichtungsübergreifende Struktur, die ihre Interessen dauerhaft vertreten kann. Das Land Brandenburg und Fachakteur*innen griffen die Idee auf und unterstützten ihre Weiterentwicklung.
Beim zweiten Dialogforum 2017 entwickelten junge Menschen den Namen „Kinder- und Jugendhilfe Landesrat“, erste Vorstellungen zu Aufgaben, Zusammensetzung und Arbeitsweise und weitere Schritte auf dem Weg zu einer Wahl. In regionalen Workshops und Dialogprozessen wurden diese Ideen konkretisiert, eine Wahlordnung vorbereitet und Informationen für junge Menschen in den Einrichtungen entwickelt.
Am 4. Oktober 2018 wurde beim dritten Dialogforum der erste KJLR gewählt. Seitdem wird das Gremium regelmäßig neu gewählt. Die Verbindung zum Dialogforum ist bis heute prägend: Dort erhält der KJLR Rückmeldungen von jungen Menschen aus unterschiedlichen Einrichtungen und Hilfeformen, stellt seine Arbeit vor und greift Themen für die weitere Interessenvertretung auf.
Interessenvertretung: Themen aus der Lebenswirklichkeit bündeln
Der KJLR arbeitet nicht zu einem vorgegebenen Themenkatalog. Ausgangspunkt sind Erfahrungen und Anliegen junger Menschen aus den Hilfen zur Erziehung. Themen entstehen im Dialogforum, durch Befragungen, bei Klausurwochenenden, in Workshops oder durch direkte Rückmeldungen. Die Mitglieder entscheiden anschließend, welche Fragen sie vertiefen und in welcher Form sie Position beziehen.
Zu den Themen der vergangenen Jahre gehörten unter anderem Taschengeld und Verpflegungsgeld, Hilfeplangespräche, Beteiligung im Kinderschutz und bei Inobhutnahmen, digitale Ausstattung und Mediennutzung, Verselbstständigung, Privatsphäre, Auswirkungen steigender Lebenshaltungskosten sowie queer-inklusive Hilfeplanung. Der KJLR hat dazu Befragungen durchgeführt, Empfehlungen und Positionspapiere erarbeitet, Workshops gestaltet und seine Perspektiven in Fachveranstaltungen eingebracht.
Die eigene Homepage dokumentiert viele dieser Arbeitslinien – von Empfehlungen für Hilfeplangespräche und Taschengeld über Positionen zur digitalen Teilhabe bis zu Befragungen zu Kinderschutz und Verpflegungsgeld.
Vom Thema zur fachpolitischen Wirkung
Interessenvertretung bedeutet, Erfahrungen nicht nur zu sammeln, sondern sie in fachliche und politische Zusammenhänge zu übersetzen. Der KJLR führt Gespräche mit Verantwortlichen im Land, beteiligt sich an Fachveranstaltungen und Gesetzgebungsprozessen und entwickelt Vorschläge für konkrete Veränderungen.
Ein frühes Beispiel war die Auseinandersetzung mit Taschengeld in Wohngruppen. Aus Rückmeldungen junger Menschen und eigenen Befragungen entstand eine fachpolitische Bearbeitung gemeinsam mit dem zuständigen Ministerium. Weitere Beispiele sind Empfehlungen für die Durchführung von Hilfeplangesprächen, Forderungen zur digitalen Ausstattung teil- und stationärer Einrichtungen sowie die Beteiligung an der Entwicklung des Brandenburgischen Kinder- und Jugendgesetzes.
Auch Fachdebatten werden durch die Perspektive des KJLR ergänzt. Mitglieder haben Seminare und Workshops für Fachkräfte mitgestaltet, Ergebnisse eigener Befragungen vorgestellt und Beiträge für Fachpublikationen erarbeitet. Damit verbindet der KJLR Interessenvertretung mit Wissenstransfer aus der Lebenswirklichkeit junger Menschen.








Dialogforum als wichtiger Resonanzraum
Das jährliche landesweite Dialogforum ist ein zentraler Bezugspunkt der Arbeit. Junge Menschen aus unterschiedlichen Angeboten der Hilfen zur Erziehung tauschen sich dort über ihren Alltag, ihre Beteiligungsmöglichkeiten und notwendige Veränderungen aus. Der KJLR wirkt an der Themenfindung und Vorbereitung mit, übernimmt Aufgaben im Programm und nutzt die Ergebnisse für seine weitere Arbeit.
Dadurch entsteht eine Verbindung zwischen gewählter Interessenvertretung und breiteren Beteiligungsformaten: Die Mitglieder des KJLR vertreten nicht nur ihre persönlichen Erfahrungen, sondern können Themen aus Befragungen und Dialogforen aufnehmen und in Gesprächen mit Fachpraxis, Verwaltung und Politik weitertragen.
Gewählt, selbstorganisiert und begleitet
Der KJLR verbindet Selbstorganisation mit verlässlicher fachlicher Begleitung. Die Mitglieder arbeiten bei regelmäßigen Klausurwochenenden an ihren Themen, bereiten Termine vor, entwickeln Befragungen, schreiben Texte und teilen Aufgaben nach Interesse und verfügbaren Ressourcen auf. Gemeinsame Arbeitsphasen sind zugleich wichtig für Gruppenzusammenhalt, Vertrauen und die Einarbeitung neuer Mitglieder.
Das KiJuBB begleitet den KJLR fachlich und organisatorisch. Dazu gehören die Unterstützung von Wahlen und Übergängen, Onboarding und Qualifizierung, die Vorbereitung von Klausuren und Terminen, verständliche Aufbereitung komplexer Fachthemen sowie die Verbindung zu Ministerium, Einrichtungsaufsicht, Fachgremien und weiteren Partner*innen. Die politische Positionierung bleibt beim KJLR selbst.
Die Einrichtungen, in denen Mitglieder leben oder betreut werden, haben dabei eine wichtige Unterstützungsfunktion. Informationen müssen junge Menschen tatsächlich erreichen, Termine müssen mit dem Hilfealltag vereinbar sein und Mobilität, digitale Zugänge sowie Vor- und Nachbereitung müssen ermöglicht werden. Der KJLR hat dafür den Begriff „Fachkräftehürde“ geprägt: Informationen an junge Menschen können nur wirken, wenn sie in den Einrichtungen verständlich, nachvollziehbar und motivierend weitergegeben werden.
Seit 2024 gesetzlich ausdrücklich verankert
Mit dem Brandenburgischen Kinder- und Jugendgesetz hat der KJLR eine ausdrückliche gesetzliche Grundlage erhalten. § 140 BbgKJG beschreibt ihn als selbstorganisierten Kinder- und Jugendhilfelandesrat. Vertreten sein sollen junge Menschen aus unterschiedlichen Teilen des Landes und Altersgruppen, die Erfahrungen mit ambulanten, teilstationären oder stationären Hilfen zur Erziehung haben. Ihre Benennung soll durch ein geeignetes demokratisches Verfahren erfolgen.
Der KJLR kann die oberste Landesjugendbehörde in Angelegenheiten beraten, die Unterbringung, Betreuung, Versorgung und Unterstützung junger Menschen in teilstationären und stationären Hilfen betreffen. Bei Änderungen einrichtungsbezogener Regelungen soll er frühzeitig in geeigneter Form beteiligt werden. Zudem kann er eigene Initiativen zur Verbesserung oder Änderung von Regelungen vorschlagen.
§ 78 BbgKJG stärkt zugleich den Informationsweg in die Einrichtungen: Informationen über den KJLR und von ihm weitergegebene Inhalte müssen jungen Menschen in teilstationären und stationären Einrichtungen alters- und entwicklungsangemessen, verständlich, nachvollziehbar und wahrnehmbar zur Verfügung gestellt und mit ihnen besprochen werden.
Mit Stimmrecht im Landes-Kinder- und Jugendausschuss
Die Interessenvertretung ist inzwischen auch in den landesweiten Strukturen der Kinder- und Jugendhilfe institutionell verankert. Nach § 111 BbgKJG entsendet der KJLR zwei stimmberechtigte Mitglieder und Stellvertretungen in den Landes-Kinder- und Jugendausschuss (LKJA). Dort können junge Menschen ihre Perspektiven unmittelbar in Beratungen und Beschlüsse eines zentralen Landesgremiums der Kinder- und Jugendhilfe einbringen.
Die Mitarbeit in einem Erwachsenengremium braucht Vorbereitung und Begleitung: Tagesordnungen, Vorlagen, Abstimmungen und Fachbegriffe müssen verständlich erschlossen, Positionen im KJLR vorbereitet und Ergebnisse anschließend zurückgekoppelt werden. Diese Unterstützung gehört zur fachlichen Begleitung der Interessenvertretung.
Bundesweit vernetzt: BUNDI
Landesweite Selbstvertretungen junger Menschen aus den Hilfen zur Erziehung haben sich auch über Ländergrenzen hinweg vernetzt. Der KJLR ist Teil des Bundesnetzwerks der Interessenvertretungen junger Menschen in der Kinder- und Jugendhilfe – BUNDI. Bei Bundesnetzwerktreffen tauschen sich die Interessenvertretungen über Erfahrungen und gemeinsame Themen aus und entwickeln länderübergreifende Forderungen.
Aus dieser Zusammenarbeit sind unter anderem gemeinsame Positionspapiere und Beiträge zu bundespolitischen Debatten entstanden. Die bundesweite Vernetzung ermöglicht Peer-Lernen zwischen den Interessenvertretungen und macht sichtbar, welche strukturellen Fragen junge Menschen in unterschiedlichen Ländern gemeinsam beschäftigen.
Der KJLR auf einen Blick
- landesweite, selbstorganisierte Interessenvertretung junger Menschen mit Erfahrungen in den Hilfen zur Erziehung,
- auf zehn gewählte Mitglieder angelegt; Nachrücker*innen sichern Übergänge bei frei werdenden Plätzen,
- erste Wahl am 4. Oktober 2018, regelmäßige demokratische Neuwahlen,
- Themen aus Dialogforen, Befragungen, Workshops und direkten Rückmeldungen junger Menschen,
- eigene Positionen, Empfehlungen, Befragungen und fachpolitische Initiativen,
- enge Zusammenarbeit mit dem Dialogforum und Austausch mit Fachpraxis, Verwaltung und Landespolitik,
- zwei stimmberechtigte Sitze im Landes-Kinder- und Jugendausschuss,
- bundesweite Vernetzung über das BUNDI,
- fachliche und organisatorische Begleitung durch das KiJuBB bei Wahrung der (jugend)politischen Eigenständigkeit.
Weiterführend
Die Arbeit des KJLR ist eng mit den landesweiten Dialogforen, der AG Partizipation HzE und der Fachberatung zur Beteiligung in den Hilfen zur Erziehung verbunden. Die KJLR-Webseite bündelt eigene Positionen, Befragungen und Materialien.